Bemerkungen zum Huang di nei jing su wen

Warum sollen wir uns mit den Su wen beschäftigen? Es ist dies eine Frage, die man sich immer noch stellt, wenn man sich beinahe ein halbes Leben mit dem Buch beschäftigt hat  Meine persönliche Erfahrung ist sicher nicht repräsentativ, sie war aber prägend für das besondere Verständnis von Chinesischer Medizin, das sich mir im Laufe der Zeit erst ergeben hat. Sieben Aufenthalte in China, davon drei längere, brachten in der Konfrontation mit der aktuellen Situation im Ursprungsland der TCM viel Ernüchterung, aber auch neue, tiefe Erfahrungen. Die Faszination mochte sich verändern, sie wurde aber alles andere als geringer. Was als Chinoiserie begonnen haben mag, hat sich im Laufe der Zeit zu einem vorbehaltlosen Respekt vor der kulturellen und wissenschaftlichen Leistung der alten chinesischen Ärzte gewandelt. Sie haben uns ein Erbe hinterlassen, das heute nicht mehr nur vom chinesischen Volk verwaltet wird, sondern fester Bestandteil des Kulturerbes der Menschheit geworden ist. Wenn Mao ze dong in den Fünfzigerjahren China aufgefordert hat, dieses Kulturerbe zu sichern und zu bewahren, dürfen wir, ohne in den Verdacht zu geraten, Maoist zu sein, diese Aufforderung beherzigen und an der kritischen Sichtung des vorhandenen Materials teilnehmen, um dieses auch für unseren Kulturkreis verfügbar zu machen. Dieses Unternehmen ist aber nur sinnvoll, wenn es gelingt zu beweisen, dass die Chinesische Medizin, und insbesondere die vom Su wen geprägte, in verschiedenen Bereichen die westliche Schulmedizin sinnvoll zu ergänzen vermag und eventuell sogar über sie hinausgeht. Erst unter diesem Gesichtspunkt hat die Beschäftigung mit dem Su wen ihre Berechtigung. Dies gilt auch dann, wenn es manchmal schwer fallen mag, dieses „mehr“ genauer zu bezeichnen. Im gleichen Zug gilt es zu akzeptieren, dass die Schulmedizin auf verschiedenen Gebieten die Unterstützung der TCM nicht braucht, weil sie in ihrer relativ kurzen Geschichte grossartige Leistungen erbracht hat. Keine der beiden Disziplinen hat Monomanie und Engstirnigkeit nötig. Mit dem Studium und der Übersetzung klassischer Texte der TCM ist es eine eigene Sache. Dies gilt nicht nur für westliche Interessenten, sondern auch für Chinesen, die ihre Aufmerksamkeit auf alte Texte ausrichten wollen. Im Folgenden sollen einzelne Punkte, die den Zugang zu den Hauptwerken der TCM erschweren, aufgezeigt und auf der anderen Seite Argumente für die Beschäftigung mit diesen alten Texten dargelegt werden. Die Schwierigkeiten liegen einerseits in der Sprache und in der Situation der Überlieferung, in dem vielfach unkritischen Herangehen an den Text, in der zum Teil schweren Greifbarkeit von klassischen Kommentaren und Varianten des Textes und in der im Westen fast vollständig unbekannten chinesischen und japanischen Kommentarliteratur aus neuster Zeit. Andererseits ist der Zustand des Textes bei weitem nicht so problemlos, wie der Vergleich der verschiedenen Textvarianten und Paralleltexte zeigt. Ein weiterer Punkt, der für westliche Interessenten wichtig ist, ist die Übersetzung des Textes. Nun bestehen in westlichen Sprachen einige Übersetzungsversuche, wobei diese sich auf wenige Ausgangsübersetzungen reduzieren lassen, weil die eigentliche „Übersetzung“ aus dem Englischen bzw. Französischen erfolgt ist. Der Wert dieser Übersetzungen ist denn auch nicht besonders gross.

Die Überlieferung des Textes

Um die Frage nach dem Alter lösen zu können ist es wichtig den Text zu bestimmen, von dem man ausgehen will. Diese an sich so einfache Anforderung ist aber nicht ohne weiteres zu erfüllen. Die Situation präsentiert sich folgendermassen: Der Text, von dem man ausgeht, ist im Wesentlichen das (Zhong guang bu zhu) Huang di nei jing su wen, das 762 n. Chr. von Wang Bing, einem Gelehrten der Tang-Zeit, herausgegeben wurde. Dass aber Wang Bing’s Text sich relativ weit vom Original entfernt hat, ist unbestritten. Man muss sich klar machen, wie es zur Herausgabe des Textes kam. Wang Bing stellte die Verderbtheit des Su wen-Textes fest und suchte nach möglichst nahe am Urtext liegenden Versionen. Das aber war ein sehr schwieriges Unterfangen, da zu seiner Zeit eigentlich nur zwei Texte vorhanden waren, die diesem Anspruch genügten: Quan Yuan qi, der in der Reichsgeschichte der Sui-Dynastie erwähnt wird, hatte das Su wen xun jie, einen Kommentar zu einem älteren Text des Su wen, herausgegeben,. Leider ging diese Version nach dem 12. Jahrhundert verloren. Wir haben aber über Zitate aus verschiedenen Büchern zumindest einen Überblick über das gesamte Werk. Gemeinhin gilt die Quan Yuan qi- Version als der älteste Kommentar zum Su wen. Zum andern ist ein Text erwähnt, das Huang di nei jing tai su, der lange Zeit als ebenfalls als verloren galt. Glücklicherweise tauchte ein umfangreiches Fragment in Japan in einer Tempelbibliothek wieder auf. Dieses wurde 1936 als Huang di nei jing tai su publiziert. Nicht erst durch die Publikation des Tai su wurde klar, dass die Wang Bing-Edition zwar eine Darstellung des Inhalts des ursprünglichen Su wen darstellte, die Reihenfolge der einzelnen Texte aber doch erstmals systematisch geordnet und, was wichtiger ist, durch Texte ergänzt wurde, die im Originaltext fehlten oder fehlen mussten. Damit ist klar, dass, wenn man sich mit dem Su wen beschäftigen will, man vorerst keinen Urtext aus dem 2. oder 1. vorchristlichen Jahrhundert vor sich hat, sondern ein Werk des 8. Jahrhunderts n. Chr., das redigiert und gefiltert ist und den Bedürfnissen seiner Zeit entspricht. Nun gibt es aber Zitate aus einem Su wen in älteren Texten, allen voran in Huang fu Mi’s systematischer Zusammenstellung der Akupunkturlehre, dem Zhen jiu jia yi jing. Wenn wir diese Zitate mit dem Wang bing-Text vergleichen, so stellt man fest, dass sie weitgehend mit dem Su wen-Text von Wang bing übereinstimmen. Damit ergibt sich, dass sich Wang bing bei aller Freiheit, die er sich nimmt, trotzdem relativ eng beim Urtext bleibt, und dass wir uns, auch mangels eines besseren Textes, an seine Version halten können. Dass bereits zu seiner Zeit wichtige Teile des Originals verloren waren, belegt die Tatsache, dass die Kapitel 66 bis 74 eine Ergänzung mit hoher Sicherheit von seiner Hand darstellen. Dies aber bedeutet wiederum, dass man für sein Studium des Textes die Wang bing-Version benutzen kann, wenn man sich bewusst ist, dass wir damit einen stark von der Tang-zeitlich gefärbten medizinischen Text vor uns haben.

Alte und neue Sprache

Ein weiteres Problem stellt sich mit der Sprache. Das Su wen ist abgefasst in klassischem Chinesisch. Der Zugang zu dieser Sprache ist auch für chinesische Ärzte alles andere als einfach. Deshalb beschränken sie sich normalerweise mit einer Übersetzung in modernes Chinesisch oder zumindest auf einen Paralleltext. Da sie nur selten philologisch interessiert sind, kümmern sie sich nur wenig um die sprachlichen Probleme und verlassen sich im Wesentlichen auf die Interpretation, die der Übersetzer bietet. Wie weit die beiden Versionen auseinander liegen können, kann ein Vergleich mit dem Deutschen zeigen: Man nehme einen althochdeutschen Text und seine Übersetzung ins moderne Deutsch und versuche Gemeinsamkeiten zu erkennen. Die Textvarianten des Su wen sind zeitlich etwa gleich anzusetzen (Wang Bing – Moderne). Dass dann beim Su Wen-Text zusätzlich schon in der Tang- Zeit ein klassischer Text, der gegen tausend Jahre alt ist, zugrunde liegt, macht die Sache nicht einfacher. Im chinesischen Zusammenhang ist das Problem relativ einfach zu lösen und es gibt eine Reihe von Forschungsprojekten, bei denen sich Philologen und Mediziner gemeinsam um Lösungen bemühen. Die Resultate sind in wertvollen Publikationen nachlesbar. Ganz anders stellt sich die Frage im europäisch-amerikanischen Zusammenhang. Hier sind es zum einen die Praktizierenden der TCM, die nur ausnahmsweise Chinesisch sprechen, und noch weniger sind in der Lage, klassisches Chinesisch zu verstehen. Ausserdem arbeiten sehr selten Mediziner oder Medizinhistoriker mit Sinologen zusammen. Ausnahmen wie etwa das Münchner Su Wen-Projekt seien hier lobend ausgenommen. Dass die Resultate dieser Forschungen entweder kaum zur Kenntnis genommen werden oder je nach dem von zweifelhaftem Wert sind, ist nachvollziehbar. Entsprechen sind auch die Übersetzungen zu bewerten. Natürlich wird es die ideale Übersetzung nie geben, und es wird immer das eine oder andere zu bemängeln geben. Aber die Qualität der vorhandenen Su wen-Übersetzungen hält sich in Grenzen. Wahrscheinlich ist auch der Anspruch, eine fortlaufende, einheitliche Übersetzung zu erreichen, von vorneherein illusorisch. Jede Übersetzung ist ein Kompromiss und muss es auch sein. Wenn man aber Klarheit über knifflige Stellen des Textes erhalten will, so sollte man zumindest die verschiedenen Versionen vergleichen. Dass ein Su wen-Text in einer Übersetzung ohne breiten Kommentar geliefert wird, halte ich für sehr problematisch. Unter diesem Gesichtspunkt ist die sonst oft problematische Übersetzung Nguyen Van Nghi’s den meisten andern Versionen vorzuziehen. Dass er selbst aus dem Vietnamesischen übersetzt hat, also auch schon wieder aus einer Übersetzung, sei nur am Rande vermerkt. Dass wir auf die Übersetzung von Tessenow/Unschuld sehr gespannt sind, ist nach der Nan Jing- Übersetzung von Unschuld klar. Leider ist das Erscheinungsdatum noch nicht angezeigt. Während es im Chinesischen weit über hundert klassische und moderne Kommentare zum Su wen gibt, so beschränkt sich meines Wissens die Kommentierung in westlichen Sprachen auf das Werk von Nguyen Van Nghi. Er hat einen durchgehenden Kommentar zu allen Teilen des Su wen geliefert, dabei aber auf die ersten Kapitel sehr viel Wert gelegt, die letzten Kapitel aber eher stiefmütterlich behandelt hat. Trotzdem ist sein Werk bei allen Einwänden, die man haben kann, bewundernswert. Natürlich bleibt eine kommentierte Ausgabe des Su wen ein Desiderat, ja man wünschte sich, dass auch nur Wang Bing’s klassischer Kommentar, bzw. der Kommentar der Song-Herausgeber, integral übersetzt würde. Oder, wenn man moderne Kommentare sucht, ein qualitativ sehr guter wie etwa derjenige von Guo Ai chun und seinem Team, wäre neben vielen andern sehr wünschbar. Dass wir im Westen mangels Sprachkenntnissen auf diese Dinge alle verzichten müssen, ist sehr bedauerlich.

Warum das Su wen?

Seit Jahrhunderten ist das Nei jing, das aus den beiden Teilen Su Wen und Ling shu besteht, der Text, der als höchste Autorität in der TCM gilt. In gewissem Sinne kann fast alles, was zum Thema TCM während des Kaiserreichs in China geschrieben wurde, als Kommentar zum Nei jing betrachtet werden. Schon allein die Tatsache dass es als würdig befunden wurde, den Begriff „Jing“ (Klassiker, kanonischer Text) im Titel zu führen, zeigt an, dass der Text auch ausserhalb des Gebiets der Medizin höchstes Ansehen geniesst. Dies zeigt sich im Falle des Nei jing auch daran, dass es in den Daoistischen Kanon, den Dao zang, aufgenommen wurde. Nicht ganz einfach ist der Titel zu übersetzen. Nei bedeutet innen. Damit ist gesagt, dass sich der Text mit Dingen im Innern des Körpers beschäftigt, insbesondere mit den fünf Funktionskreisen. Nei ist aber auch Zentrales, Wesentliches, die Struktur des Ganzen. Dies alles ist wohl ausgesagt im Titel. Über den Autor lassen sich begreiflicherweise keine Angaben machen. Dass der Text unter dem Namen des gelben Kaisers läuft, gibt einen Hinweis darauf, dass er im daoistischen Umfeld entstanden ist und man ihm durch diese Autorschaft ein gewisses Gewicht verschaffen wollte. Denn damit wird er in eine Tradition von Schriften eingereiht, die ebenfalls dem Gelben Kaiser oder einem der andern mythischen Kaiser zugeschrieben werden. Das klassische Huang di nei jing besteht aus zwei Teilen, dem Su wen und dem Ling shu. In den Buchverzeichnissen der Han-Zeit sind diese Titel zwar nicht vorhanden, aber wir können sie mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Huang di nei jing und dem Huang di wai jing zuordnen. In diesen beiden Texten war das zusammengefasst, was damals von der Chinesischen Medizin der vorkaiserlichen Zeit und der Han-Dynastie erhalten war. Dies war bis zur Entdeckung der medizinischen Texte im Grabe von Ma wang dui die allgemein vertretene Ansicht. Diese Texte sind zwar älter als selbst das damals vorhandene Su wen, doch sind sie Bestandteil einer Sammlung von medizinischen Texten, die ein Enthusiast zusammenstellte. Man kann sie wohl kaum als repräsentativ für die damals praktizierte Medizin ansehen. Unterdessen sind noch einige wenige Texte dazu gekommen, doch bleibt die Aussage nach wie vor berechtigt. Inhaltlich beziehen sich alle Texte der TCM seit den Zeiten des Nan jing und bis in die Gegenwart auf das Nei jing. Die wichtigsten Theorien haben sich in der Praxis bewährt und sind deshalb bis heute unwidersprochen. Die entscheidenden Fortschritte in der TCM sind generell in der Auseinandersetzung mit dem Nei jing erzielt worden. Deshalb beziehen sich alle bedeutenden Mediziner immer wieder auf das Nei jing. So erwähnen Zhang Zhong jing im Shang han za bing lun und Huang fu Mi im Jia yi jing, dass sie vom Su wen Gebrauch gemacht hätten. Dasselbe gilt von den bedeutenden Autoren der Sui- und Tang-Zeit wie Sun si miao und Chao Yuan fang. Die Bedeutung des Su wen nimmt in der Folgezeit noch zu, und seit der Song-Zeit gilt es als Referenztext. Dafür spricht auch die Tatsache, dass in der Song-Zeit ein Redaktionskollektiv mit der kritischen Herausgabe und Kommentierung von sieben klassischen Texten beauftragt wurde. Im Falle des Su wen leistete Lin yi die Hauptarbeit. Sein Beitrag ist erkennbar durch den Zusatz Xin jiao zheng (Neuer Kommentar).

Inhaltliche Aspekte

Was den Inhalt betrifft, werden im Nei jing alle relevanten Themen der Chinesischen Medizin in profunder Weise abgehandelt. Das Ling shu befasst sich im Wesentlichen mit der Akupunktur, das Su wen primär mit der Lebensführung und den Grundlagen der TCM. Eher am Rande wird die Arzneimitteltherapie behandelt. Die Autoren scheinen davon auszugehen, dass für diesen Bereich andere Literatur verfügbar ist. Dass das heute verfügbare Su wen mit einer Reihe von Traktaten beginnt, die die Grundlagen der Lebensführung betreffen, ist nicht überraschend, bilden doch Diätetik und insbesondere Qi gong das, was der Arzt und damit auch der Patient als erstes befolgen sollten um die Gesundheit zu bewahren. Diese Traktate sind immer noch oder wieder relevant, wenn man sich den rücksichtslosen Umgang des Menschen mit der Natur und damit unbewusst mit dem eigenen Körper vor Augen führt. Ein zweiter sehr wichtiger Komplex führt im Anschluss daran in die alles beherrschenden Strukturen unter denen die Welt aus chinesischer Sicht betrachtet wird – Yin und Yang, die fünf Wandlungsphasen und die den Wandlungsphasen entsprechenden Funktionskreise – ein. Dies geschieht unter verschiedenen Gesichtspunkten und, oberflächlich betrachtet, manchmal auch unter widersprüchlichen Voraussetzungen. Dass in einzelnen Traktaten bzw. Kapiteln die Fünf-Wandlungsphasen-Theorie recht eingleisig verwendet wird, mag dem Alter der einzelnen Texte zuzuschreiben sein. Wenn man dies aber im Vergleich zu den andern, das selbe Thema streifenden Traktaten sieht, und sich klar macht, dass die Texte, die im modernen Su wen versammelt sind, wohl aus einem Zeitraum stammen, der mehr als ein ganzes Jahrtausend abdeckt, dann wird andererseits auch die ungeheure Lernfähigkeit der TCM erst klar. Es ist ausserordentlich interessant die verschiedenen Texte miteinander zu vergleichen, und man stellt erstaunt fest, dass die Therapien, die für einzelne Pathologien vermerkt werden, zum Teil auch heute noch höchstes Interesse verdienen. Besonderes Gewicht legt das Su wen auf die Korrespondenz der verschiedenen Strukturen. Dies gilt sowohl vertikal wie horizontal. D.h. es bestehen Verbindungen, die gegeben sind durch die Einheit des Wandlungsphasebezuges. Das bedeutet, dass das Schwarze, die Niere, das Salzige, die Angst u.s.w. durch gleiche Schwingungen verbunden sind. Dazu sind die horizontalen Verbindungen von Zang- Funktionskreisen relevant. Besonders faszinierend ist der Einbau der Zang fu in ein Modell, das einem idealen Staatswesen entspricht. Dabei übernimmt jedes der Zang fu die Rolle eines Beamten. Auf diese Weise wird die Funktion verdeutlicht und damit ein dynamisches Bild von den Vorgängen im Körper entworfen. Damit seien nur einige wenige Aspekte erwähnt, die eine Diskussion Wert sind. Im Weiteren behandelt das Su wen die Möglichkeiten der Diagnose, wobei ausführliche Darstellungen der Pulslehre vorhanden sind. Dass sich dabei Gegensätze zur modernen Pulsdiagnostik zeigen ist zwingend, da die heute gültigen Gesetze der Pulslehre auf Li Shi zhen aus dem 16.Jahrhundert zurückgehen. Trotzdem lohnt sich ausdrücklich eine Auseinandersetzung mit den Richtlinien, die das Su wen gibt, da hier die Voraussetzungen des lange gültigen und immer noch wichtigen Puls-Klassikers (Mai jing) zu sehen sind. Ein Thema, das das ganze Su wen durchzieht ist die Physiologie und Pathologie von Qi und Xue. Gerade für westliche Therapeuten ist dieser Bereich von hoher Wichtigkeit, wird doch sehr oft auf einem ungenügenden Level und in Unkenntnis der inneren Zusammenhänge therapiert. Dies verringert die Heilungschancen für den Patienten und schadet dem Ruf der TCM. Die Definition der beiden Begriffe ist alles andere als einfach. Aus der Darlegung im Su wen gewinnt man aber eine Reihe von Bedeutungsebenen, die zumindest das Verständnis erleichtern. Ausführlich werden die Leitbahnen und Punkte behandelt. Die breite Darstellung wird fortgeführt im Ling shu. Gerade in Hinblick auf diese Thematik ist sehr viel an Forschung investiert worden, doch sind sich die Resultate, die man dabei gewonnen hat, im Wesentlichen nur in China bekannt. Die Resultate sind vor allem für die Diskussion über die Nachweisbarkeit und den Verlauf der Leitbahnen von Bedeutung und Abschliessendes ist da überhaupt noch nichts ausgesagt. Es lohnt sich gerade auch auf diesem Hintergrund, eigene Erfahrungen zu verifizieren. Ausserdem ist es auch interessant die Relationen zu der Darstellung der Leitbahnen in den Ma wang dui Manuskripten klar zu machen, wenn auch klare Abweichungen im Verständnis der Leitbahnen in diesem aller Wahrscheinlichkeit älteren Text festzustellen sind. Eine vergleichende Diskussion ist auch hier wertvoll. Was im Su wen folgt, ist eine Reihe von Abhandlungen zu einzelnen Pathologien. Der Text ist hier besonders interessant, als kaum mehr Dämonen als Krankheitsursache auftauchen, sondern radikal der Weg zu einer „naturwissenschaftlichen“ Medizin gesucht wird, indem vor allem Faktoren, die durch die Umwelt – klimatische Faktoren, jahreszeitliche Faktoren, etc. – bedingt sind, für das Entstehen von Krankheiten verantwortlich gemacht werden. Dass diese Faktoren die Bezeichnungen von klimatischen Faktoren tragen – Wind, Kälte, Hitze, Trockenheit, etc – ist nicht weiter überraschend, aber gerade aus der Behandlung im Su wen heraus ergibt sich, dass wir es hier eindeutig mit einer Fachterminologie zu tun haben, die ihre Bedeutung erst im Zusammenhang der Medizin wirklich gewinnt. Vergleichbar ist dies durchaus mit den lateinischen Fachbegriffen in der westlichen Medizin, die aber direkt als solche erkennbar sind, während die chinesischen Begriffe scheinbar solche aus der Alltagssprache sind. Man hat den Eindruck, dass in den pathologischen Traktaten das Gewicht eher auf konkrete Fälle gelegt wird und es nicht darum geht, eine systematische Abhandlung zu einem konkreten pathologischen Zusammenhang zu finden. Es sind dies, nach unserer Ansicht, eher Diskussionsmaterialien, die für eine ständige Überarbeitung gedacht sind. Dies auch im Bewusstsein, dass jede Pathologie im Laufe der Zeit und bedingt durch den Ort und die äusseren Umstände Änderungen unterworfen ist, die eine Neubeurteilung erforderlich machen. Wie schon erwähnt ist das Su wen vor allem ein Handbuch der Akupunktur-Theorie, während die Medikamente kaum diskutiert werden. Dies mag damit zusammenhängen, dass für diese Therapieform andere Werke zur Verfügung standen. Dass aber neben der Akupunktur auch andere Therapieformen – bluten lassen, Moxa, Diätetik, Qi gong – behandelt werden. Sie alle werden ein integraler Bestandteil aller Theorien, die auf dem Su wen aufbauen, und damit der TCM bleiben. Eine besondere Gruppe bilden die Kapitel 66 bis 73, und dabei insbesondere die Kapitel 72 und 73. Sie unterscheiden sich vor allem durch ihre Länge und ihren Inhalt von den vorhergehenden Kapiteln. Behandelt wird die Phasenenergetik, eine fortgeschrittene Theorie, die vor allem für Akupunkteure von Wichtigkeit ist. Damit sei ein rudimentärer Überblick über den Inhalt des Su wen abgeschlossen. Dass sich eine Beschäftigung mit dem Text lohnt, sei es in Achtung seines hohen Alters, sei es als nach wie vor gültige Richtlinie für die Therapie, sollte aus dem Dargestellten klar geworden sein. Ausserdem kann es eine wichtige Kontrolle des Standes der eigenen therapeutischen Fähigkeiten sein, wenn man sich auf die Zwiesprache mit dem Text einlässt.

Literatur beim Verfasser.

Oktober 2009